Die Romantische Straße per Rad

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Die Romantische Straße per Rad

Pia Salentin

Schon als wir Würzburg verlassen, steigt der Weg kontinuierlich leicht an. Um ins südwestlich gelegene Taubertal zu kommen, heißt es zunächst einmal, das Maintal zu verlassen und anzusteigen. Gestern haben wir noch, wie viele andere auch, den Abend mit einem Schoppen Wein in der Altstadt genossen. Jetzt aber verlassen wir die Barockstadt am Main, die durch ihre Festung, die Residenz und den Dom bekannt ist, aber auch die weniger bekannte Röntgen-Gedächtnisstätte beherbergt. Wir - mein Mann und ich - verbringen unsere Urlaube seit Jahren wandernd oder radfahrend in Deutschland und dem europäischen Ausland. In diesem Urlaub folgen wir der Romantischen Straße, auf der wir in den nächsten zwölf Tagen bis nach Füssen durch eine Reihe bekannter und sehenswerter bayerischer Orte kommen werden.

 

Die Romantische Straße lässt sich sowohl motorisiert als auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß erleben. Die in den 1950er Jahren entstandene Ferienstraße verläuft vom Main bis zu den Alpen. Der Name rührt wohl daher, dass Besucher/innen sich aufgrund der Vielzahl mittelalterlicher Orte in vergangene Zeiten zurückversetzt fühlen. Man kann es aber auch nüchtern sehen: Es gibt auf dieser Route eine Vielzahl historischer Entdeckungen zu machen, und quasi nebenbei lässt sich dabei eine große Vielfalt an Landschaften (und auch kulinarischen Genüssen) erleben.

 

Im Taubertal finden sich bekanntere Orte wie Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim, aber auch kleine Ortschaften laden dazu ein, erkundet zu werden. Das kulinarische Angebot ist groß und lässt die Entscheidung beinahe schon zur „Qual“ werden. Anders als der Name vermuten lässt, zeichnet sich die Streckenführung des Radwegs im Taubertal durch ein ständiges Auf und Ab aus. Oft können wir den Schwung der Abfahrt nutzen, um zumindest einen Teil der nächsten Steigung hinter uns zu bringen, aber oft genug kommen wir dennoch ins Schwitzen. Gerade im Taubertal, welches von Radtourist/inn/en stark frequentiert wird, haben wir das Gefühl, die einzigen zu sein, die noch mit „Myo-Antrieb“ unterwegs sind. Immer wieder werden wir an Steigungen von Pedelec-Fahrer/inne/n überholt.

Besonders beeindruckt hat uns im Taubertal das Renaissanceschloss in Weikersheim mit seinem Schlosspark, dessen Anlagen stark an Versailles erinnern. Nur wenige Schritte entfernt, nur durch einen Torbogen vom Schlossplatz getrennt, befindet sich der historische Ortskern.

Weiter geht’s, bis wir im Süden des Tals einen der wohl bekanntesten Orte der Romantischen Straße, nämlich Rotenburg o.d. Tauber, erreicht haben. Die Stadt wird heute von mehreren Millionen Menschen jährlich besucht, weil Rotenburg für viele der Inbegriff einer mittelalterlichen Stadt ist. Dass sie im Jahr 1945 durch einen US-amerikanischen Bombenangriff teilweise zerstört wurde, ist hingegen weniger bekannt. Dank des Wiederaufbaus wurde die Stadt zu dem, was uns heute so verzückt.

Das nächste Highlight auf unserem Weg lässt nicht lange sich warten, wir gelangen nach Dinkelsbühl.

 

1632 – das Heilige Römische Reich Deutscher Nation befindet sich im Dreißigjährigen Krieg. Vor den Toren von Dinkelsbühl lagern schwedische Truppen. Es droht – wie vielerorts –, dass die Stadt geplündert und niedergebrannt, die Einwohner ermordet werden.

Dass Dinkelbühl letzen Endes kampflos eingenommen wird, verdankt die Stadt der Überlieferung nach der Türmerstochter Lore. Danach flehte diese mit den Kindern der Stadt um Gnade und rettete damit Dinkelsbühl vor der Zerstörung. Gedacht wird dieses Ereignisses jährlich im Juli durch das Festspiel ‚Die Kinderzeche‘.

Obwohl Dinkelsbühl von großen Zerstörungen verschont blieb, verlor die Stadt nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs an Bedeutung. Reich geworden war sie im Mittelalter durch ihr Handwerk. Die in der Stadt hergestellten Sensen und Sicheln und das durch Wollmacher hergestellte Tuch konnten über zwei wichtige Fernhandelswege exportiert werden. So lag Dinkelsbühl sowohl an der Schnittstelle einer Handelsroute von Frankfurt nach Italien als auch an der Route von Worms über Nürnberg nach Regensburg.

Wer heute die mittelfränkische Stadt besucht, findet ein gut erhaltenes mittelalterliches Stadtbild mit Fachwerk- und Giebelhäusern vor. Auch der Mauerring der Stadtbefestigung aus dem 15. Jahrhundert ist vollständig erhalten. Sehenswert ist auch die St. Georgs-Kirche.

 

Ca. 40 Kilometer hinter Dinkelsbühl kommt der Wind ständig von vorne. Wir müssen schmunzeln, weil unser Reiseführer empfiehlt, die Strecke von Norden nach Süden zu fahren, damit man den Wind im Rücken habe. Wir befinden uns im Nördlinger Ries. Dieses ist vermutlich durch einen Meteoriteneinschlag entstanden, wodurch im Laufe von Millionen von Jahren ein großer, flacher Krater mit einem Durchmesser von etwa 24 km entstanden ist. Auch Nördlingen verfügt über eine vollständig erhaltene Stadtmauer, die zudem begehbar ist, und ein mittelalterliches Stadtbild. Wirtschaftlich geprägt wurde die Stadt lange durch Leinen- und Tuchweber, Gerber und Färber.

Dies alles erfahren wir im Rahmen einer Stadtführung, bei der uns auch die Besonderheiten der entsprechenden Handwerkerhäuser nähergebracht werden.

 

Bald danach gelangen wir nach Donauwörth, am Zusammenfluss von Wörnitz und Donau gelegen. Hier beginnt die Via Claudia Augusta, auf der man per Rad nach Italien gelangen kann. Gleichzeitig kreuzt in Donauwörth der Donauradweg. Wir bleiben jedoch auf der Romantischen Straße und fahren weiter in Richtung Augsburg, welches eine Fülle an Sehenswürdigkeiten bietet. Zu den bekanntesten zählen das Rathaus mit dem Goldenen Saal, der Dom, der Perlachturm und das Schaezlerpalais. Bekannt ist die Stadt auch durch die Fuggerei. Der Kaufmann Jakob Fugger schuf diese 1521 für arme Bürger. Diese Siedlung mit etwa 100 Sozialwohnungen wartet mit einigen Kuriositäten auf. Dazu gehören der aus heutiger Sicht extrem niedrige Mietpreis (Jahresmiete 0,88 €), das tägliche Gebet als Bestandteil des Mietvertrags und die das Areal umgebende Mauer, die die Fuggerei von der übrigen Stadt abgrenzte. Für den, der erst nach Schließung der Tore in die Fuggerei zurückkehren wollte, öffneten sich diese erst nach Zahlung einer Strafe.

 

Nicht weit entfernt von der Fuggerei befindet sich das Geburtshaus von Berthold Brecht, des berühmten Sohns der Stadt Augsburg. Es liegt im Lechviertel, einem alten Handwerkerviertel, und unterbreitet nach eigener Aussage „das Angebot einer Begegnung mit der Persönlichkeit Brechts und seiner literarischen Entwicklung“. Leider bleibt uns zu wenig Zeit für einen Besuch, denn für uns als Kinder der 1960er Jahre gehört ein Besuch der Augsburger Puppenkiste zum Muss eines Augsburgbesuchs. Hier kann man sich die Originalpuppen von Urmel, Kalle Wirsch und der Blechbüchsenarmee im angeschlossenen Museum ansehen und in Erinnerungen schwelgen.

 

Weiter südlich erreichen wir am nächsten Tag Landsberg am Lech. Auch dieser Ort beeindruckt durch seine historische Altstadt, insbesondere den Markt mit den Bürgerhäusern. Von hier aus ist es nun nicht mehr weit bis zu unserem Ziel. Unser Weg führt uns nun durch den sogenannten `Pfaffenwinkel`, benannt nach der großen Anzahl an Kirchen und Klöstern, die es hier gibt. Die berühmteste ist die Wieskirche. Die korrekterweise `Zum gegeißelten Heiland auf der Wies`bezeichnete Kirche wurde anlässlich eines Tränenwunders gebaut und dadurch zum Ziel zahlreicher Wallfahrer/innen.

 

Von der Wieskirche bis nach Füssen ist es nur noch ein Katzensprung. Die letzten zehn Kilometer vor unserem Ziel fahren wir durch flaches Gelände und können schon bald in der Ferne das auf einer Anhöhe gelegene Neuschwanstein erkennen. Dieses gehört mit dem nicht weit entfernten Schloss Hohenschwangau zu den `Märchenschlössern` König Ludwigs. Der König wurde aufgrund seiner hohen finanziellen Ausgaben letztlich entmündigt und starb unter ungeklärten Umständen im Starnberger See. Den Menschenmassen nach zu urteilen, die wir an den Schlössern vorfinden, scheint sein träumerhaftes Leben auch heute noch auf viele eine gewisse Faszination auszuüben.

 

Historie lässt sich auch in der Füssener Altstadt spüren, denn auch Füssen weist eine mehr als 2000jährige Geschichte auf und verfügt noch über einen spätmittelalterlichen Stadtkern. Für uns ist die Stadt Anlass, Rückschau auf mehr als 450 km Strecke zu halten mit all ihren – im wahrsten Sinne des Wortes - „Höhen und Tiefen“ und unsere Eindrücke noch einmal Revue passieren zu lassen. Wir genießen das Gefühl, angekommen zu sein und einfach einmal die Füße hochlegen zu können. Bis zur nächsten Tour….

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