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Archiv 2001

Zu Besuch bei dem Straßenkinderprojekt
"Child Life" in Mae Sai

Wir kamen nach Mae Sai von Doi Tung aus, jenem beeindruckendem, von der 1995 verstorbenen Mutter des thailändischen Königs gegründeten Entwicklungsprojekt. Hier haben über 10 Jahre Aufbauarbeit bereits ein kleines Paradies geschaffen, in dem die Menschen wieder optimistisch in die Zukunft blicken können.

In Mae Sai hatten wir das Ausbildungsprojekt DEPDC besucht und nun wollten wir uns noch in der Kürze der Zeit, die uns blieb, das neue Straßenkinderprojekt "Child Life" ansehen.

Ann, die junge Helferin von DEPDC fuhr mit uns im Pickup mit und wies uns den Weg zu dem neu angemieteten Haus der Kinder. Erst vor wenigen Wochen waren sie in ihr neues Domizil gezogen, nachdem sie sich Anfang der Jahres vor den Schiessereien mit burmesischen Truppen an der nahen Grenze zu Myanmar in Sicherheit bringen mussten.

Als wir schon fast beim Haus waren, fiel uns ein, dass wir doch nicht gern mit leeren Händen kommen mochten. So kehrten wir kurzentschlossen um und hielten beim nächsten Krämerladen an, um einige Süßigkeiten, Knabbereien und Cola für die Kinder zu kaufen.

In dem Haus gab es an jedem Tag 16 Kinder, von denen einige Ann schon von weitem erkannt hatten und sofort hinausgelaufen kamen, um uns zu begrüßen. Sie waren sehr gespannt auf die ausländischen Besucher und tobten ausgelassen um uns herum.

Das neue Wohnhaus für die ehemaligen Straßenkinder ist recht geräumig. An einer Seite des Hauses gibt es einen halboffenen mit Wellblech überdachten Raum, der als Küche und Unterrichtsraum zugleich dient. Noch gab es hier keine Stühle und die Kinder hockten auf dem Zementboden, aber Tische und einem große Schultafel waren schon vorhanden. Auf der anderen Seite des Hauses gibt es eine Sala, den Ann, Ngaow und die anderen Betreuer zusammen mit den Kindern gebaut haben. Neben dem Haus befindet sich ein kleiner Garten, in dem die Kinder Gemüse anpflanzen und einen Teich, der allerdings schon zum Nachbargrundstück gehört. Im Haupthaus befinden sich die Arbeits- und Büroräume des Projekts und dahinter gelegen die Schlafräume der Kinder. Einrichtung gibt es noch kaum, das Innere des Hauses wirkte sehr karg. Die Kinder schlafen auf Matten auf dem Boden. "Es ist für uns jedes Mal sehr schwer, die monatliche Miete für das Haus aufzutreiben, obwohl sie mit 2000 Baht (rund 100.- DM) eigentlich recht günstig ist", erzählte uns Ngaow.

Als wir die Cola - wir hatten unsere Bedenken gegen das Getränk zurückgestellt als wir hörten, dass die Kinder es besonders gern mögen - ausschenken wollten, bemerkten wir, dass es nicht einmal Gläser oder Becher gab und so musste aus Schalen getrunken werden. Das tat aber der Begeisterung der Kinder kein Abbruch. Nun waren sie erst einmal damit beschäftigt, immer wieder für Cola und Eis anzustehen und sich den Mägen mit dem Knabberzeug und Süßigkeiten vollzuschlagen. Nicht gerade sehr gesund, dachten wir, aber für die Kinder war es eine leckere und seltene Abwechslung.

Wir fragten Ngaow, warum es nur so wenige Kinder in dem Haus gibt, wir hatten uns vorgestellt, dass wesentlich mehr Kinder betreut würden. Ngaow berichtete, dass seit einiger Zeit die Grenze nach Burma geschlossen sei wegen der immer wieder aufflackernden militärischen Auseinandersetzungen zwischen Thailand und diversen burmesischen Truppen und Banden. So konnten einige der Kinder, die noch gelegentlich über die Grenze in ihre Dörfer wechseln und dort ihre Verwandten besuchen, nicht wieder nach Thailand zurückkommen.

Ohnehin gibt es eine gewisse Fluktuation bei den Straßenkindern dieser Gegend. Gelegentlich versuchen einige von Ihnen, wieder zu ihrer Familie oder Teilfamilie zurückzukehren. Wird dann die Lebenssituation aufgrund von Armut oder häuslicher Gewalt wieder zu schlimm, kehren sie auf die Strasse zurück, manchmal auch gezwungenermaßen, von den Eltern zum Betteln geschickt.

Für die vom Projekt betreuten Kinder wird es sicher noch eine Weile dauern, bis sie sich an ein regelmäßiges Leben und vor allem an den regelmäßigen Schulbesuch gewöhnen werden.

Nachdem der erste Appetit gestillt war, wollten uns die Kinder etwas vorführen. Zwei Jungen stellten sich vor der Tafel auf, verbeugten sich und trugen ein Volkslied vor. Es handelte von der guten und fürsorglichen Mutter, die ihren Kindern beibringt, was sie für ein gutes und rechtschaffenes Leben an Wissen benötigen. Das ist es wohl, was sich diese Kinder am meisten wünschen, ein fürsorgliches und intaktes Elternhaus.

Wir waren ganz verwundert darüber, dass wir in der Kindergruppe nur Jungen sahen. Wo denn die Mädchen seien, fragten wir Ngaow. "Da sind sie doch", sagt er und zeigte lächelnd auf ein einige kahlköpfige kleine Wesen. Die Mädchen mit ihren längeren Haaren hatten ganz besonders unter Läusen und anderem Ungeziefer zu leiden gehabt und so war keine andere Möglichkeit geblieben, als ihnen die Haare ganz abzuscheren und sie mit einen Anti-Läusemittel zu behandeln. Einige von ihnen schämten sich, ihrer weiblichen Pracht beraubt worden zu sein und hatten sich fantasievolle bunte Mützen aufgesetzt. Sie mussten unter ihren Kopfbedeckungen sehr schwitzen, denn in diesem besonders heißen thailändischen Sommer erreichten die Tagestemperaturen meist 40 Grad Celsius.

Wir fragten Ann und Ngaow, wie es dem Projekt gelinge, sich über Wasser zu halten, angesichts der überall spürbaren Mangels an finanziellen und materiellen Ressourcen. "Es ist sehr schwierig für uns", sagte Ngaow. "Wir haben eigentlich kaum genug Geld um das Haus zu unterhalten. Wenn ein wenig Spenden hereinkommen, können wir genügend Essen für die Kinder kaufen, aber oft es ist außerordentlich dürftig und wir haben für einige Tage nur sehr wenige Reste.

Ann erzählte, dass die Betreuer manchmal mit den Kindern zusammen kochen. Sie kaufen auf dem Markt, was an Fleisch, Gemüse und Kräuter gerade günstig zu haben ist. Häufig reicht das Geld auch nur, um abends übriggebliebene Reste zu erstehen, die die Straßenrestaurants der Stadt tagsüber nicht verkaufen konnten. Gelegentlich reichen die Nahrungsmittel trotz aller Bemühungen nicht aus, um die Kinder zu sättigen.

Trotz aller Probleme bemühen sich die Betreuer mit großem persönlichen Einsatz, den Kindern so gut es eben geht ein sicheres Zuhause und eine liebevolle Betreuung zu geben und sie wieder an ein normales geregeltes Leben zu gewöhnen. Und ganz offensichtlich gefällt ihnen ihr neues Zuhause sehr viel besser als das erbarmungslos harte Leben auf der Strasse von Mae Sai.

Besonderes erfreut waren wir, als wir unter den Kindern einen kleinen Jungen wiedererkannten, den wir zwei Jahre zuvor auf den Strassen Mae Sais bettelnd und offensichtlich berauscht vom Klebstoffschnüffeln gesehen hatten. Es tat gut, zu sehen, dass er jetzt einen wesentlich gesunderen und wacheren Eindruck machte.

Leider blieb uns für unseren Besuch dieses Mal nur wenig Zeit, denn wir mussten am gleichen Tag noch nach Chiang Mai weiterfahren. Als wir uns verabschiedeten, kamen die Kinder auf die Strasse gerannt und sprangen auf unser Auto herum, so dass wir Mühen hatten, loszufahren. Wir mussten ihnen versprechen, so bald wie möglich wieder zu kommen. Dies werden wir bestimmt tun und wir hoffen sehr, dass sie das Projekt weiter entwickelt und die gegenwärtigen Schwierigkeiten überwinden kann.

Nach unserer Rückkehr nach Deutschland hörten wir, dass inzwischen, nachdem die Grenze zu Myanmar wieder aufgemacht wurde, über dreißig Kinder im Projekt leben. Und seit kurzem dürfen die schulpflichtigen Kinder eine öffentliche thailändische Schule besuchen, was wegen ihrer in vielen Fällen ungeklärten Staatsangehörigkeit keineswegs selbstverständlich war. Zusätzlich haben die Kinder die Möglichkeit, im Zentrum des DEPDC weitere Kurse zu besuchen. Die verbesserten Ausbildungsangebote werden ihre Chancen erhöhen, sich in ihre thailändischen Umwelt zu integrieren.

So wurde ein Grundstein gelegt, damit eine Gruppe von Straßenkindern wieder Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben schöpfen kann, ein Grundstein auf den natürlich weiter aufgebaut werden muss. Wir können aus eigener Anschauung sagen, dass bei "Child Life" wirklich jede Mark Spende gut angelegt ist und nicht in irgendwelchen Organisationen und Verwaltungen versickert.

Saisuda and John Pohl
© thailife.de
Fotos: KhunJohn

 

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